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Philosophische Praxis und Spirituelle Praxis

Psychotherapie und Meditation

Meditation, Psychotherapie, Philosophie, Wu wei, Tao, Buddhismus, Daimonion, philosophia perennis, Rationalismus, Selbstwertgefühl, Selbsttherapie

Auf dem ersten Blick schließen sich Meditation nach buddhistischer Art und Psychotherapie gegenseitig aus.

Erstere hält uns dazu an, in meditativer Haltung Gedanken, Empfindungen und Emotionen einfach gewahr zu werden.
Dieses Gewahrsein führe zu einem tieferen Verständnis des Selbst und des Kosmos, im Idealfall zur Erleuchtung des Meditierenden. Um unsere Vergangenheit mit allen daraus erwachsenen Problemen brauchten, ja sollten wir uns nicht kümmern. Der Schlüssel zur Selbsterkenntnis liege im wachen und ungetrübten Gewahrsein des jeweiligen Augenblicks. Alles andere ergebe sich daraus.

Demgegenüber gehen die meisten psychotherapeutischen Ansätze davon aus, dass Störungen in unserer Persönlichkeitsentwicklung mit mehr oder weniger pathologischen Symptomen einhergehen, die in der Regel nur mit gezielten psychotherapeutischen Maßnahmen behoben werden könnten.

Was ist das Gemeinsame?

Sowohl in der Meditation als auch in der Psychotherapie geht es letztlich um eine angestrebte Bewusstseins- und Verhaltensänderung des Praktizierenden bzw. Klienten. Auch wenn viele Meditationslehrer immer wieder betonen, die Meditation solle absichtslos betrieben werden, so ist es doch ein gewünschter Effekt, dass sie zu bestimmten Erfahrungen und Einsichten sowie entsprechendem Handeln führen soll.
Das chinesische Zeichen für Wu wei (Handeln im Nicht-Handeln) Das chinesische Zeichen für Tao
Das chinesische Zeichen für Wu wei
(Handeln im Nicht-Handeln)
Das chinesische Zeichen für Tao

(das Unbenennbare,
der Sinn)
Dieser scheinbare Widerspruch führt uns zu einem feinen aber folgenreichen Unterschied zwischen Meditation und Psychotherapie, im weiteren Sinne zwischen östlichem und westlichem Denken:

Im Chinesischen bedeutet der Begriff Wu wei Handeln im Nicht-Handeln. Damit ist gemeint, dass wir aus der inneren Notwendigkeit des Augenblicks heraus handeln sollen und nicht auf die Konsequenzen, auf Erfolg oder Misserfolg, Vorteil oder Nachteil schielen sollten. Wir tun, was das Tao (als Gesamtheit aller fortwährenden Prozesse des Universums, oder im Buddhismus der Dharma als kosmisches Gesetz) von uns verlangen, ohne persönliche Interessen mit unserem Handeln zu verknüpfen. Im westlichen Denken kommt dem das sokratische Daimonion (innere göttliche Stimme, aber auch Naturgesetz) am nächsten.

Sokrates, griechischer Philosoph (470-399 v.Chr.) Im Wissen um sein Nicht-Wissen war er allen Dialogpartnern überlegen
Sokrates, griechischer Philosoph (470-399 v.Chr.)
Im Wissen um sein Nicht-Wissen war er allen Dialogpartnern überlegen
Dem modernen westlichen Denken ist dieses absichtslose, von persönlichen Interessen freie Denken weitgehend fremd. Der descartsche Rationalismus und das mechanistische Weltbild Newtons sind immer noch maßgeblich für breite Teile der modernen Naturwissenschaften und in eingeschränktem Maße auch für geisteswissenschaftliche Disziplinen wie die Psychologie.

Erfreulicherweise haben sich unter der Vorreiterschaft von fortschrittlichen Denkern wie C.G. Jung besonders in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Strömungen in der Psychologie und Psychotherapie entwickelt, die wieder auf dem breiten Fundus der philosophia perennis aufbauen. Besonders erwähnen möchte ich Campbell, Fromm, Maslow sowie die Vertreter der Transpersonalen Psychologie (Grof, Wilber u.a.) Selbst die Psychoanalytiker sind von der Renaissance des östlichen Denkens nicht ganz verschont geblieben (Epstein u.a.).
René Descartes, frz. Philosoph (1596-1650) Er wird als Begründer der neuzeitlichen Philosophie bezeichnet. Berühmt vor allem sein "cogito ergo sum" (ich denke, also bin ich). Kritiker sehen in ihm den Hauptverantwortlichen für einen einseitigen Rationalismus, dem wir viele Probleme der Gegenwart zu verdanken haben. Mein Ausbilder im Philosophie-Referendariat formulierte (sehr zur Freude seiner Schüler) das descartsche Leitmotiv um in "coitus ergo sum".   René Descartes, frz. Philosoph (1596-1650)
Er wird als Begründer der neuzeitlichen Philosophie bezeichnet. Berühmt vor allem sein "cogito ergo sum" (ich denke, also bin ich). Kritiker sehen in ihm den Hauptverantwortlichen für einen einseitigen Rationalismus, dem wir viele Probleme der Gegenwart zu verdanken haben. Mein Ausbilder im Philosophie-Referendariat formulierte (sehr zur Freude seiner Schüler) das descartsche Leitmotiv um in "coitus ergo sum".
Issac Newton (1643-1727)
Sein mechanistisches Weltbild war maßgeblich für die Physik des 18. und 19. Jahrhunderts und hat im makrokosmischen Bereich bis heute noch weitgehend Gültigkeit. Erst Einstein und besonders die Quantenphysiker des 20. Jahrhunderts konnten nachweisen, dass seine Lehren auf den mikrokosmischen Bereich nicht anwendbar sind.
  Sein mechanistisches Weltbild war maßgeblich für die Physik des 18. und 19. Jahrhunderts und hat im makrokosmischen Bereich bis heute noch weitgehend Gültigkeit. Erst Einstein und besonders die Quantenphysiker des 20. Jahrhunderts konnten nachweisen, dass seine Lehren auf den mikrokosmischen Bereich nicht anwendbar sind.
Erich Fromm (1900-1980) Bücher wie "Haben oder Sein" oder "Die Kunst des Liebens" sind philosophisch-psychologische Klassiker, die seit ihrem Erscheinen nichts an Bedeutung eingebüßt haben. Zu den Grundelementen aller Formen der Liebe gehören nach Fromm Fürsorge, Verantwortlichkeit, Respekt und Wissen.   Erich Fromm (1900-1980)
Bücher wie Haben oder Sein oder Die Kunst des Liebens sind philosophisch-psychologische Klassiker, die seit ihrem Erscheinen nichts an Bedeutung eingebüßt haben. Zu den Grundelementen aller Formen der Liebe gehören nach Fromm Fürsorge, Verantwortlichkeit, Respekt und Wissen.
Der 14. Dalai Lama (geb. 1935) ging nach einem Aufstand gegen die chinesische Herrschaft 1959 ins Exil nach Indien. Im Jahre 1989 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen.
Der 14. Dalai Lama (geb. 1935)
ging nach einem Aufstand gegen die chinesische Herrschaft 1959 ins Exil nach Indien. Im Jahre 1989 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen.
Vor dem Hintergrund dieser neuen Entwicklungen halte ich eine Kombination aus Meditation und Psychotherapie nicht nur für möglich, sondern sogar für empfehlenswert.

Bei einem Treffen östlicher Meister und westlicher Therapeuten war der Dalai Lama sehr verwundert darüber, dass er immer wieder den Begriff geringes Selbstwertgefühl hörte. Er soll daraufhin in dem Raum umhergegangen sein und jeden einzelnen Therapeuten gefragt haben: "Leiden Sie darunter?" Als alle bejahten, soll er ungläubig den Kopf geschüttelt haben.

Diese Reaktion ist nur verständlich vor dem Hintergrund, dass in Tibet ein positives Selbstwertgefühl als etwas Selbstverständliches gilt. Von der Wiege bis zum Sterbebett wird es einem dort vermittelt, während uns Westlern meist eingetrichtert wird, dass wir nur dann wertvoll sind, wenn wir dies und jenes leisten oder besitzen.

Deshalb ist das östliche Denken nicht ohne weiteres auf den Westen übertragbar.

Den institutionell erzeugten Neurosen ist mit Meditation allein nicht beizukommen. Wir brauchen zusätzlich Therapie bzw. Selbsttherapie, um uns von den verinnerlichten Masken unserer Zivilisation zu befreien und wieder mit unserer Seele in Berührung zu kommen. Meditation verstärkt stets, was in dem Meditierenden bereits vorhanden ist. Den Gesunden macht sie gesünder, den Kranken kränker, den Freien freier und den Abhängigen abhängiger. Das erklärt auch die Tatsache, dass über neunzig Prozent ihre Meditationspraxis nach wenigen Versuchen für immer aufgeben.

Abraham Maslow (1908-1970) Mitbegründer der Humanistischen Psychologie
Abraham Maslow (1908-1970)
Mitbegründer der Humanistischen Psychologie
Als der amerikanische Psychologe Abraham Maslow im Rahmen einer Untersuchung zur psychologischen Gesundheit dreitausend Collegestudenten daraufhin überprüfte, ob sie die Kriterien für psychische Gesundheit erfüllten, (Sie sollten sich "angstlos, akzeptiert, geliebt und liebevoll, achtungswert und geachtet fühlen"), fand er nur einen einzigen geeigneten Kandidaten.

Wäre es übertrieben daraus den Schluss zu ziehen, dass wir alle mehr oder weniger therapiebedürftig sind? Und wenn es so wäre, wer sollte dann all die Millionen Menschen therapeutisch betreuen?

Ich finde, man sollte hier unterscheiden zwischen den relativ wenigen Menschen, die ernsthaft krank sind, und den zahlreichen Menschen, die im medizinischen Sinne nicht als krank gelten, die aber gleichwohl unter den größtenteils zivilisatorisch bedingten Deformationen ihrer Persönlichkeit leiden und sich davon befreien möchten.

Diese Menschen brauchen in der Regel nur eine Anleitung zur Selbsttherapie, das heißt eine kurzfristige Begleitung auf ihrem Weg der Selbstverwirklichung.

Wer Meditation und Selbsttherapie miteinander kombinieren möchte, dem empfehle ich, sich den Meditationskreislauf vor Augen zu halten, wie er im folgenden Diagramm beschrieben wird.



ALLTAG
INNERE BALANCE
ERHÖHTE PRÄSENZ
INNERER FRIEDE
ZUSTAND
RELATIVER LEERE
GEDANKEN WERDEN BEOBACHTET
UND ZIEHEN VORÜBER WIE WOLKEN
MEDITATION
STRESS
INNERE UNRUHE
ZERSTREUTHEIT
KARUSSELL
BEWUSSTER UND UNBEWUSSTER
GEDANKEN
METAGEDANKEN GEDANKENZIRKULATION
GEDANKEN METAGEDANKEN
ERLEBNISSE GEDANKEN
ALLTAG


>> Motivation und Kommunikation

Unser Alltag besteht im Wesentlichen aus Erlebnissen und Gedanken.
Unmittelbare Erfahrungen - Gedanken im Hintergrund.
Unsere Gedanken beschäftigen sich mit vergangenen oder in der Zukunft erwarteten Ereignissen.
Unsere Gedanken beschäftigen sich mit vergangenen oder in der Zukunft erwarteten Ereignissen.
Gedanken ziehen schnell weitere Gedanken (Metagedanken) nach sich. Man könnte auch sagen, sie bilden Metastasen.
Gedanken ziehen schnell weitere Gedanken (Metagedanken) nach sich. Man könnte auch sagen, sie bilden Metastasen.
Die Gedanken über Erlebnisse bilden ebenfalls Metagedanken. Oft ohne, dass wir es merken, bilden sich geschlossene Gedankenkreise, in denen wir uns selbst gefangen nehmen.
Viele Gedanken erreichen nur kurz die Bewusstseins-schwelle und tauchen dann ins Reich des Unbewussten ab. Dort tragen sie mit dazu bei, dass sich das Gedanken-karussell immer schneller dreht.
Die meisten Gedanken enthalten Handlungsimpulse. Da wir sie aber in der Regel nicht zu Ende denken, geben wir ihnen keine Richtung. Das führt zu dem Gefühl, etwas tun zu müssen, ohne zu wissen was. Stress, innere Unruhe und Zerstreutheit sind die Folge.
In der Meditation geben wir jedem Gedanken die Chance, achtsam wahrgenommen zu werden.
Wir nehmen unsere Gedanken beobachtend wahr, klammern uns aber nicht daran fest. So werden wir fliessend wie Wolken am Himmel.
Gedanken haben die Neigung zu verschwinden, wenn man ihnen Raum gibt. Der Raum, den wir ihnen geben, schafft Leere.
Wir empfinden inneren Frieden, sind ausgeglichen und in der Gegenwart präsent.
Dieser Zustand löst sich im Alltag allmählich wieder auf, und der Kreislauf beginnt von neuem.



(C) PSP Köln


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