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Transpersonale Erfahrungen

Transpersonale Dimensionen

Transpersonale Erfahrungen können wir zu allen Zeiten unseres Lebens machen. Besonders häufig treten sie auf in der Kindheit, in der spirituellen Krise um die Lebensmitte und im Alter.

Der wohl bedeutendste Vertreter der transpersonalen Psychologie, Stanislav Grof, unterscheidet drei verschiedene transpersonale Dimensionen:
  1. Erweiterung des Erlebens innerhalb der objektiven Realität.
    Dazu zählen unter anderem die Identifikation mit anderen Menschen, Psi-Phänomene, Erinnerungen an frühere Inkarnationen, Nahtoderfahrungen.

  2. Erweiterung des Erlebens über die Grenzen der objektiven Realität hinaus.
    Dazu gehören unter anderem die Begegnung mit universellen Archetypen, mit Gottheiten, tierischen Geistern, Außerirdischen sowie spiritistische Erfahrungen.

  3. Transpersonale Erfahrungen psychoider Natur
    wie z.B. Synchronizitätserlebnisse, Psychokinese, Ufo-Phänomene und Wunderheilung.

Transpersonales Bewusstsein

Im weitesten Sinne ist jedes Bewusstsein, das die Grenzen der eigenen Person zu überschreiten vermag, transpersonal. Ken Wilber unterscheidet zwischen einem präpersonalen kindlichen Bewusstsein, das die Erfahrung, eine eigenständige Person zu sein, noch nicht gemacht hat, einem personalen Bewusstsein, dem es vor allem darum geht, in der Welt Fuß zu fassen mit beruflichem Erfolg, familiärem Glück usw. und einem transpersonalen Bewusstsein, das die Grenzen des rein Immanenten erfahren und diese durch eine Öffnung zum Transzendenten hin überwunden hat. Die günstigste Gelegenheit für transpersonale Erfahrungen wäre demnach der Zeitpunkt, zu dem man zu einer Person herangereift ist und reif dafür ist, diese wieder aufzugeben zugunsten einer neuen Identität, die auf dem Prinzip der Nichtidentifikation basiert.

Während das personale Bewusstsein noch glaubt, es sei der Handelnde und deshalb stolz auf seine eigenen Errungenschaften ist oder an deren Ausbleiben verzweifelt, ist das transpersonale Bewusstsein mit dem universellen schöpferischen Prinzip in Berührung gekommen, nach dessen Melodie alle Quanten und Quantenverbände tanzen. Auf der Quantenebene macht es keinen Sinn mehr, zwischen Materie und Geist, zwischen Organischem und Anorganischem kategorisch zu unterscheiden, da sich hier alles beseelt zeigt und mit allem Existierenden verbunden ist.

Auf der transpersonalen Ebene macht es ebenso wenig Sinn, zwischen Subjekt und Objekt zu unterscheiden.
"Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind." Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, 3. Aufl. Frankfurt/M: Fischer, 2008, S. 426, Nr. 451
Dieser Satz des Portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa verdeutlicht auf ebenso einfache wie klare Weise, was Nichtindentifikation bedeutet. Wenn ich stets das bin, was ich sehe, habe ich genau so viele Identitäten wie Wahrnehmungen, also keine Identität.

Hier liegt eine schwierige Klippe beim Eintauchen ins transpersonale Bewusstsein, da die meisten Menschen fürchten, mit ihrer Identität auch ihre Individualität zu verlieren. Dazu besteht aber in Wirklichkeit kein Anlass, denn die unzähligen flüchtigen "Identitäten" eines Individuums machen gerade seine Individualität aus. Im Gegenteil: Wir verlieren unsere Individualität, wenn wir uns mit bestimmten Wahrnehmungen identifizieren, denn das tun die meisten anderen auch, von denen wir uns dann mit unseren Anhaftungen und Projektionen nicht mehr wesentlich unterscheiden. Entsprechendes gilt für die Makroebene des Ganzen.


Zauberpilze
Auch halluzinogene Pilze können transpersonale Erfahrungen induzieren. Unter anderem als "magic mushrooms" bezeichnete Psychedelika werden schon seit mehr als 2000 Jahren von mittel- und südamerikanischen Schamanen dazu genutzt. Auf der Website der Ethnologin Anne Stephanos finden Sie dazu viele hilfreiche Informationen.

Das wesentliche Kennzeichen einer transpersonalen Erfahrung besteht darin, dass wir unsere Verbundenheit mit dem Ganzen auf eine unanzweifelbare sinnliche Weise erfahren. Wir werden uns bewusst, dass die egozentrische Perspektive, aus der heraus die meisten Menschen die Welt betrachten, eine künstliche Verzerrung, das heißt, eine Illusion ist. Im transpersonalen Zustand haben wir die Gewissheit, dass wir all das sind, was wir wahrnehmen und nur das sind, was wir wahrnehmen. In den alten Veden lautet die entsprechende Formel tat twam asi = das - was du siehst - bist du. Der Philosoph Arthur Schopenhauer erklärt in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung, jeder, der diese alte Weisheit leben könne, sei auf dem direkten Weg zur Erleuchtung. An gleicher Stelle definiert der Philosoph auch den Begriff "Egoismus" auf eine eigenwillige, doch wie ich finde, treffende Weise:
"Der Egoismus besteht eigentlich darin, daß der Mensch alle Realität auf seine eigene Person beschränkt, indem er in dieser allein zu existieren wähnt, nicht in den anderen."
Arthur Schopenhauer: Hauptwerke Band I - Die Welt als Wille und Vorstellung, Köln: Parkland, 2000, S. 1084, II,41


Wer sich einen Blick angewöhnt hat, der von der Gewissheit ausgeht, dass es die Verbundenheit von allem mit allem nicht gibt, der wird irgendwann keine Antennen mehr haben, mit denen die von der Einheit ausgesendeten Frequenzen wahrgenommen werden könnten. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als ob er in dem Bild unten alles, was sich unterhalb der Wasseroberfläche befindet, sowie alles, was von ihr gespiegelt wird, nicht sehen könnte. Trotzdem wird er, was er sieht, für die einzig wahre Realität halten, und womöglich jeden, der mehr zu sehen glaubt, für einen Spinner halten.

Entsprechend kann man transpersonale Erfahrungen als Vorgänge verstehen, in denen man schlagartig Zugang zu der erweiterten ganzheitlichen Wahrnehmung hat und seine bisherige beschränkte Sichtweise als Illusion erkennt. Die damit verbundene existenzielle Gewissheit, die alle bisherigen Gewissheiten bei weitem übertrifft und im Idealfall in ein durchgänges transpersonales Bewusstsein mündet, lässt es einen dann auch mit Gelassenheit ertragen, wenn man von beschränkten "Realisten" als beschränkt bezeichnet wird. Schließlich war jeder, bevor er seine personale Maske einmal ablegen konnte, mit einer beschränkten Wahrnehmung ausgestattet und kann jederzeit Rückfälle in alte Muster erleben, wenn er sich nach einem einmaligen Durchbruch bereits für erleuchtet hält.

Es gibt deshalb keinen Grund, sich auf eine erweiterte Wahrnehmung etwas einzubilden, und dies wiederum aus zwei Gründen. Zum einen bin ich davon überzeugt, dass Durchbruchserlebnisse nie allein auf eigenen Aktivitäten basieren, sondern immer auch ein Akt der Gnade sind, für den man sich nur durch eine demütige Haltung erkenntlich zeigen kann. Zum anderen bedeutet ein kurzer Einblick in die transpersonale Ebene noch lange nicht, dass man dadurch nachhaltig zu einem besseren Menschen geworden ist. Auch hier gilt der berühmte zenbuddhistische Spruch:
"Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen."


Transpersonale Erfahrungen
Transpersonale Erfahrungen ermöglichen uns punktuell, die Grenzen unserer personal beschränkten Wahrnehmung zu überschreiten. Bei einer gelungenen Integration dieser Erfahrungen in das alltägliche Leben können sie in ein transpersonales Bewusstsein münden, das es der Wahrnehmung ermöglicht, kreativ mit der Wirklichkeit zu spielen.
Foto: Botanischer Garten, Köln, Andreas Tenzer


Außergewöhnliche Bewusstseinszustände werden nicht ganz zu unrecht oft mit halluzinogenen Drogen in Verbindung gebracht. In der Tat könnte die Betrachtung eines Edelsteins z.B. unter LSD-Einfluss jene Bilder in uns zur Resonanz bringen. Dem transpersonalen Bewusstsein sind die Innenwelten von Dingen und Lebewesen aber auch ohne Drogen prinzipiell zugänglich. Dafür müsste sich das Bewusstsein entweder noch im präpersonalen Zustand befinden oder durch meditative Gewahrseinsübungen geschult werden. Wir müssten neu lernen, die Dinge nicht als Gegen-Stände, sondern als potenzielle Innenwelten wahrzunehmen.

Wer eine Abkürzung zu transpersonalen Erfahrungen ohne Drogen sucht, dem kann ich eine Methode empfehlen, die der bereits erwähnte Bewusstseinsforscher und Transpersonale Psychologe Stanislav Grof entwickelt hat. Das sogenannte Holotrope Atmen kann unter anderem einen Vorgeschmack auf das Potenzial hervorrufen, das in transpersonalen Erfahrungen schlummert.

Holotropes Atmen und das Abenteuer der Selbstentdeckung


Für die Initiation transpersonaler Erfahrungen benutzt Grof heute das so genannte holotrope Atmen, nachdem die Arbeit mit LSD gesetzlich verboten wurde. Die Teilnehmer geraten durch eine Kombination aus Atemtechnik, Entspannung, sehr lauter und extrem psychoaktiver Musik sowie gezielter Körperarbeit in einen außergewöhnlichen Bewusstseinszustand, in dem sie die Grenzen ihrer individuellen Persönlichkeit überschreiten. Wer sich näher dafür interessiert, dem empfehle ich das sehr lesenswerte Buch Stanislav Grof - Das Abenteuer der Selbstentdeckung.


Stanislav Grof
Stanislav Grof, geb. 1931, bei der Verleihung eines Preises für sein Lebenswerk durch Vaclav Havel in Prag, 2007

Stan Grof ist ein Pionier auf dem Gebiet der Erforschung erweiterter Bewusstseinszustände.

Bis 1967 arbeitete er in seiner Geburtsstadt Prag als Mediziner und Psychoanalytiker. Als er im Rahmen eines Forschungsprojekts der Schweizer Firma Sandos den Auftrag bekam, die Möglichkeiten des Einsatzes von LSD in der Psychiatrie zu prüfen, bahnte sich eine revolutionäre Wende in seinem Leben an.
Er nahm zu Forschungszwecken selbst LSD und machte die Entdeckung, dass die halluzinogene Droge bei ihm ähnliche Erfahrungen provozierte, wie er sie bis dahin nur von Patienten kannte, die als psychisch krank galten.
Im Jahre 1967 ging er in die USA, wo er bis heute mit seiner Frau Christina lebt. Dort arbeitete er zunächst mit LSD als therapeutischer Substanz. Als dann der Einsatz von LSD in der Psychiatrie gesetzlich verboten wurde, entwickelte er das so genannte holotrope Atmen, das auch ohne Drogen den Einstieg in außergewöhnliche Bewusstseinszustände ermöglicht.
Aus eigener Erfahrung kann ich diese Methode der Bewusstseinserweiterung empfehlen, allerdings nur für Menschen, die über eine gewisse psychische Stabilität verfügen
.


Die folgenden Zitate aus Stanislav Grof, Das Abenteuer der Selbstentdeckung, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1999, sprechen für sich. Weitere Zitate  - auch aus anderen Werken - findet Ihr auf der Zitateseite unter dem Autor Stanislav Grof.

"Die Techniken, die das Unbewußte direkt zu aktivieren vermögen, scheinen selektiv das in emotionaler Hinsicht bedeutsamste Material zu verstärken und dessen Bewußtwerdung zu erleichtern. Wie Radarstrahlen tasten sie das gesamte System ab und entdecken das Material mit der stärksten emotionalen Ladung und Bedeutung." (S. 21) Auszug aus einem Erfahrungsbericht über eine psychedelische Sitzung

"Mein Zustand war eigentümlich paradox: ich wurde immer kleiner und kleiner, schrumpfte zu einem absoluten Nichts zusammen, und doch war mir, als wäre ich grenzenlos und dehnte mich ins Grenzenlose aus." (S. 35) Auszug aus einer psychedelischen Selbsterfahrungssitzung von Stan Grof

"Wie mir jetzt bewußt war, rührt der Mangel an Erfüllung im menschlichen Leben daher, daß wir mit dem Geburtstrauma und der Angst vor dem Tod nicht fertig geworden sind. Wir sind nur anatomisch geboren, haben den Geburtsprozeß aber psychisch noch nicht abgeschlossen und verarbeitet [...] Da das Leben zyklisch verläuft und den Tod einschließt, läßt sich der Sinn unmöglich auf der Basis des rationalen Verstandes finden. Man muß die Energie des Lebensflusses in sich verspüren und sich seines Daseins freuen. Dann wird der Sinn des Lebens unmittelbar offenkundig. So kam ich mir nach dieser Erfahrung auch wie ein Surfer vor, der mit großer Freude auf der Welle des Lebens reitet."(S. 43)

"Wenn der Ich-Tod in seiner letzten und vollständigen Form erlebt wird, dann bedeutet er das unwiderrufliche Ende der philosophischen Identifikation mit dem, was Alan Watts als das von "Haut umhüllte Ich" ("skin-encapsulated ego") bezeichnet." (S. 55)

"In den meisten Fällen geht einer transpersonalen Erfahrung eine dramatische Begegnung mit Geburt und Tod voraus." (S. 63)

"Auf der Grundlage dieser Erörterungen lassen sich transpersonale Erfahrungen definieren als die erlebnismäßige Ausdehnung oder Erweiterung des Bewußtseins über die gewöhnlichen Grenzen des Körper-Ich sowie über die Beschränkungen von Raum und Zeit." (S. 64)

"Die moderne thanatologische Forschung liefert somit eine Bestätigung für die Schilderungen aus dem Tibetanischen Totenbuch, nach denen der Mensch nach seinem Tod den "Bardoleib" annimmt, der die Beschränkungen durch Raum und Zeit überwindet und frei um die Erde reisen kann." (S. 99)

"Plötzlich verstand ich das Prinzip, das dem Aufbau des Weltalls zugrundeliegt. Die schöpferische Quelle und Kraft des Universums war das kosmische Bewußtsein, das eine endlose Reihe von Dramen spielte, Dramen, wie wir sie von der Bühne oder vom Film her kennen. In diesem Drama ist es das Spiel, sich zu verlieren, um sich wiederzufinden. Dieses Bewußtsein des Universums inszeniert Trennung, Ablehnung, Schmerz, das Böse, Leid und Dunkelheit, nur um die unendliche Freude erleben zu können, seinen sicheren und wonnigen Urzustand wiederzuentdecken." (S. 175)

"Wir konnten wiederholt die Beobachtung von Wilhelm Reich bestätigen, daß psychische Widerstände und Abwehrmechanismen über die Blockierung des Atems wirken. Die Atmung nimmt unter den physiologischen Körperfunktionen eine deutliche Sonderstellung ein. Sie ist eine autonome Funktion, kann aber leicht durch den Willen beeinflußt werden. Die Beschleunigung des Atemrhythmus und die Erhöhung der Wirksamkeit des Atmens baut in der Regel die psychischen Abwehrmechanismen ab und bewirkt eine Freisetzung und Bewußtwerdung unbewußten (und überbewußten) Materials." (S. 208)

"In der holotropen Therapie muß man voll und ganz den Impulsen nachgeben, die die Musik in einem auslöst - handele es sich nun um Weinen, Lachen, Grimassieren, Schütteln, verschiedene Körperverrenkungen, sinnliche Beckenbewegungen oder andere emotionale, stimmliche und motorische Reaktionen." (S. 225)

"Dies stützt die Hauptthese dieses Buches, nämlich daß zwischen psychedelischen Erlebnissen und außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen, die durch andere Techniken herbeigeführt werden - etwa durch Atemtechniken, Singen und Tanzen, Trancetanz, Meditation, usw. - kein grundlegender Unterschied besteht." (S. 338)

Ken Wilber, geb.1949
gehört neben Stan Grof zu den bedeutendsten Vertretern der transpersonalen Psychologie. Zu seinen Hauptwerken zählt
Eros, Kosmos, Logos.
Das Buch beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der evolutionären Entwicklung von Materie > Leben > Geist.

Integration transpersonaler Erfahrungen

Ein Manko der holotropen Atemtherapie ist die oft unzureichende Integration transpersonaler Erfahrungen.

Ken Wilber hat nicht ganz unrecht, wenn er fragt:
"[...] wohin gehen die Menschen dann mit ihrer Erfahrung? Was machen sie daraus? Wie können sie die Erfahrung manifest werden lassen? Sind sie bereit für eine stabile Anpassung an die Erfahrung ?"
Ken Wilber, Eros, Kosmos, Logos, Fischer Verlag, Frankfurt/M, 2001, S. 812

Ähnlich äußert sich Ingo Benjamin Jahrsetz:
Allzu häufig werden spirituelle Öffnungen, die starke emotionale Verwirrung verursachen können, psychiatrisch im Sinne der Schulmedizin diagnostiziert und als Psychosen behandelt, was bei den betroffenen Menschen großen Schaden anrichten kann. Auf der anderen Seite stehen spirituelle Lehrerinnen und Lehrer, die die Dynamik spiritueller Energien kennen, jedoch unerfahren sind im Umgang mit westlichen Strukturen. Häufig werden die Schwierigkeiten der Integration dann übergangen, was oft bezahlt wird mit inflationärem, scheinbar spirituellem Gehabe und einer Verleugnung der eigenen Lebensrealitäten.

Ingo Benjamin Jahrsetz, Holotropes Atmen - Psychotherapie und Spiritualität, Pfeiffer Verlag bei Klett-Cotta, Stuttgart, 1999, S. 18 f.

Transpersonale Erfahrungen sind ein eindeutiges Zeichen dafür, dass man nicht mehr ganz dicht ist. Umgangssprachlich wird diese Formulierung für Leute verwendet, die man für verrückt hält. In der Tat gehen solche Erlebnisse mit einer Verrückung einher von einem immanenten zu einem transzendenten Weltbild, aus dessen Perspektive die noch "ganz Dichten" als beschränkt erscheinen, da sie keinen Zugang zum grenzenlosen Bewusstsein haben. Die Öffnung zum Transzendenten kann sowohl einen nachhaltigen Prozess der Befreiung bedeuten als auch in eine chronisch-katastrophale Weltuntauglichkeit münden. Welche der beiden Möglichkeiten schließlich eintrifft, hängt vor allem von drei Faktoren ab.

Das wichtigste Momentum betrifft den Reifezustand der betreffenden Person zum Zeitpunkt der Öffnung. Je besser jemand geerdet ist in dem Augenblick, wenn sich die Schleusen öffnen, desto geringer ist das Risiko einer mit Realitätsverlust einhergehenden spirituellen Inflation. Wer sich vor der Öffnung nicht in der Welt zurecht gefunden hat, wird es danach um so weniger können. Mit Zurechtfinden ist keine unkritische Weltbejahung gemeint, sondern die Fähigkeit, sich von den die Welt dominierenden dualistischen Machtstrukturen weder vereinnahmen noch unterkriegen zu lassen. Dazu bedarf es sowohl einer fundierten Selbsterkenntnis als auch einer realistischen Einschätzung der immanenten Gesetzmäßigkeiten. Wer zum Zeitpunkt der Öffnung ins Transzendente über beides verfügt, dem wird die Integration seiner transpersonalen Erfahrungen mit hoher Wahrscheinlichkeit gelingen.

Ein zweites Kriterium, das maßgeblich darüber entscheidet, wie gut die Integration gelingen kann, hängt davon ab, ob die Öffnung allmählich oder schlagartig erfolgt. Trifft sie einen unvorbereitet, dann hat man von einem auf den anderen Tag das Gefühl, in einer völlig neuen Welt zu leben. Was soeben noch getragen hat in Partnerschaft, Freundschaft und Beruf, wird plötzlich brüchig, ohne dass ein neues funktionierendes System zur Verfügung steht. Gelingt es in dieser Phase nicht, das "alte Leben" radikal zu vereinfachen und einen neuen persönlichen Mythos zu entwickeln, der gleichermaßen offen und verwurzelt ist, kann die Bewältigung des Lebensalltags die eigenen Kräfte übersteigen. Dann wäre es hilfreich, jemanden an der Seite zu haben, der die Integration des plötzlichen "Einbruchs" begleiten kann. In meiner Kölner Praxis sind mir schon einige Klienten begegnet, die sich mit ihrer spontanen Öffnung an der falschen Stelle geoutet haben, und so in die Fänge der Psychiatrie geraten sind. Bei einer sukzessiven Öffnung durch gelegentliche transpersonale Erlebnisse stehen die Chancen dagegen nicht schlecht, die Integration auch ohne professionelle Unterstützung zu meistern.

Der dritte Faktor betrifft die Qualität der Beziehungen zu Familienangehörigen, Freunden und Berufskollegen. Trifft man dort auf Verständnis oder erfährt sogar eine starke Empathie, dürfte die Integration ohne größere Schwierigkeiten gelingen. Begegnen einem die wichtigsten Bezugspersonen dagegen mir Befremden und Ablehnung, ist die Integration der transpersonalen Erfahrungen aus eigener Kraft kaum zu bewerkstelligen. In der Regel braucht man dann eine Wahlfamilie, deren Mitglieder ähnliche Erfahrungen gemacht und diese erfolgreich integriert haben, und/oder professionelle Hilfe. Erst wenn man wieder Boden unter den Füßen hat, kann man sich richtig über die schönen Seiten der Öffnung freuen: über mehr Gelassenheit, Urvertrauen, Gewahrsein, Lebensfreude und Spontaneität.

"Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen." Wer die Öffnung zum Transzendenten erfahren und integriert hat, weiß, wie viel Wahrheit in diesem bereits weiter oben erwähnten Zenspruch liegt, denn auch nach der "Erleuchtung" geht das alltägliche Leben weiter, und oberflächlich betrachtet unterscheiden sich die Tage kaum von den Zeiten vor der Öffnung. Doch etwas ganz Einfaches und Wesentliches hat sich im gelungenen Fall geändert: Jetzt gibt es kein Pseudo-Ich mehr, das Holz hackt und Wasser trägt, sondern nur noch das Holzhacken und Wassertragen selbst. Man identifiziert sich nicht mehr mit den unzähligen Bewusstseinsströmen, die wie Wolken den eigenen Geist durchwandern. Man hat seine fixe Idee von einer fixen Identität aufgegeben und erlebt seine Individualität allein im ewig fließenden Augenblick.

Als ich im September 2015 erfuhr, dass es in Deutschland, nördlich von Celle, eine MitWohnGemeinschaft gibt, in der "transpersonaler Wandel ungestört stattfinden kann", habe ich mich ausführlich über das Projekt informiert. Alle Eindrücke, die ich bei der Lektüre der von der Gemeinschaft herausgegebenen Website empfangen und gespürt habe, zeigen mir klar: Genau diese Gemeinschaft hätte mir gut getan, als ich um die Jahrtausendwende selbst einen fundamentalen transpersonalen Wandel erlebt hatte, dem krisenhafte Prozesse vorausgegangen und nachgefolgt waren. Bei einer ausgiebigen Augenwanderung durch die Website hatte ich den Eindruck, dass besonders folgende Qualitäten in der Gemeinschaft; in augenweidenhafter Umgebung, gelebt werden: Freiheit, Einfachheit, Stille, Inspiration, Gelassenheit, Mitgefühl, wechselseitige Wertschätzung, Sinnlichkeit, Wu wei und ganzheitliches Bewusstsein.

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