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Philosophische Praxis und Spirituelle Praxis

I Ging


  1. I Ging – Entstehung und Bedeutung

  2. Nach welchem Gesetz funktioniert das I Ging?
    1. Quantenphysik und Synchronizität
    2. Außergewöhnliche Bewusstseinszustände
    3. Dem Tao auf der Spur – Das I Ging zwischen Schicksal und Willensfreiheit

  3. Das I Ging – Weiser und praktischer Ratgeber im Alltag
    1. Hilfreiche Informationen vor der ersten Befragung des I Ging
    2. Wann ist es sinnvoll, das I Ging zu befragen?
    3. Wie formuliere ich meine Frage?
    4. Deutung der Hexagramme - I Ging-Beratung als Selbstbefragung

  4. Leben mit dem I Ging – Ein neuer Anfang...


1. I Ging - Entstehung und Bedeutung

Die Herkunft des I Ging (auch: I Ching) ist noch immer nicht eindeutig geklärt. Als gesichert gilt, dass die ältesten Grundtexte des Buches, die so genannten "Urteile" und die Beschreibungen zu den einzelnen Hexagramm-Linien etwa in dem Zeitraum zwischen 1000 und 750 v. Chr. verfasst wurden. Zwischen 400 und 200 v. Chr. wurden umfangreiche kommentierende Texte zum I Ging verfasst (die so genannten "Zehn Flügel"), deren Autoren nicht bekannt sind. Die uns heute vorliegende Form erhielt das Buch der Wandlungen, wie das I Ging auch genannt wird, wahrscheinlich im dritten nachchristlichen Jahrhundert.

Ob Konfuzius direkt an der Verfassung der Texte mitgewirkt hat, gilt heute als eher unwahrscheinlich. Jedoch besteht kein Zweifel daran, dass der Geist seiner Lehren - wie auch der des Tao te king von Laotse - in die Kommentare eingeflossen ist.

In Europa war das I Ging bis um 1700 praktisch unbekannt. Im Jahre 1882 wurde es erstmals in die englische Sprache übersetzt und 1924 von dem Sinologen Richard Wilhelm ins Deutsche übertragen. Erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das Buch der Wandlungen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Heute wird seine Weltgesamtauflage auf über eine Million Exemplare geschätzt.

Der Philosophie des I Ging zufolge verdankt alles in der Welt seine Entstehung, seine Entwicklung und seine Auflösung dem Zusammenspiel von Yin und Yang, die somit der Schlüssel sind zum Verständnis von allem, was existiert und nicht existiert, von Sein und Nichtsein. Hinter der polaren Dualität von Yin und Yang verbirgt sich aber nach Auffassung der alten chinesischen Weisen ein einheitliches Urprinzip, aus dem aller Wandel hervorgeht, das selbst aber nicht der Veränderung unterworfen ist. Laotse nennt es Tao: „das Tor, durch das alle Wunder hervortreten“ (I Ging, Übersetzung Richard Wilhelm, Kapitel 1).


Yin und Yang
Yin und Yang
duale Prinzipien des nichtdualen Tao


Nach dem Modell des Quantenphysikers David Bohm könnte man das Tao heute als das Prinzip bezeichnen, das die explizite Ordnung (als die begrenzte, sinnlich wahrnehmbare Welt des Wirklichen) und die implizite Ordnung (als die unbegrenzte Welt des Möglichen, aus der heraus sich die Wirklichkeit manifestiert) umfasst. Tao wird oft als Weg übersetzt, da es als Prinzip des Werdens und des Wandels darüber entscheidet, was wann, wo und für wen Wirklichkeit wird, und was sich unmanifestiert im Reich der Möglichkeiten als potenzielle Wirklichkeit bereithält. Dies erklärt auch die Übersetzung von Tao mit Sinn, die Richard Wilhelm verwendet, um zu verdeutlichen, dass der Weg alles Werdenden, Seienden und Vergehenden sich nicht zufällig ergibt, sondern uneingeschränkt den Gesetzen des Tao folgt.

Das I Ging mit seinen 64 Hexagrammen ist der bis heute unübertroffene Versuch, die Gesetze des Tao als Kräfte zu beschreiben, die unsere Wirklichkeit gestalten. Mehr als 2000 Jahre vor Nietzsche sind diese Texte allesamt Jenseits von Gut und Böse. Wie Nietzsche lehnte Laotse, der als Begründer des Taoismus gilt und mit seiner Philosophie maßgeblich an der Entwicklung des I Ging beteiligt war, jegliche Moral kategorisch ab. Statt den moralischen Zeigefinger zu erheben, zeigt das Buch der Wandlungen einfach auf, was geschieht, wenn man was tut bzw. unterlässt.

Es ist sowohl ein Spiegel der Wirklichkeit als auch der noch unmanifestierten Möglichkeiten, von denen jeder Augenblick schwanger ist. Anders als Nietzsche kritisiert das Buch der Wandlungen jedoch nicht schwerpunktmäßig den falschen Weg, sondern zeigt konstruktive Möglichkeiten auf, wie man sich in einer bestimmten Situation im Einklang mit dem Tao verhalten und so Unheil von sich und anderen fernhalten kann.



2. Nach welchem Gesetz funktioniert das I Ging?

2.1 Die Relativität von Raum und Zeit: Quantentheorie und Synchronizität

Das Buch der Wandlungen kann zwar auch als Orakel benutzt werden, hat aber nichts mit Aberglauben zu tun. Im Gegenteil: Während der Aberglaube eine fatalistische Abhängigkeit suggeriert von höheren Mächten, die einem Menschen wohlgesonnen sein, ihn aber auch vernichten können, basiert das I Ging auf der Vorstellung von einem Tao, das weder Vorliebe noch Abneigung, weder Begünstigung noch Bestrafung kennt. Im Buch der Wandlungen geht es nüchtern und sachlich darum, die Zusammenhänge zwischen dem eigenen Handeln und dessen Folgen zu verstehen, was mit der Zeit zu immer größerer Gelassenheit führt.

Zwar war Laotse als Mitgestalter des I Ging durchaus ein Mystiker und Magier, wie Richard Wilhelm in seinem Kommentar zum Tao te king zutreffend bemerkt, doch war er vor allem ein exzellenter Beobachter und Psychologe. Mit Goethe könnte man sagen: bevor er ins Unendliche schweifte, war er im Endlichen nach allen Seiten gegangen und das mit einer beispiellosen Gründlichkeit und Tiefe. Nur so ist es zu erklären, dass der Geist des taoistischen Weisheitsbuchs die chinesische Geschichte seit über 2000 Jahren mehr oder weniger stark geprägt hat und seit dem 20. Jahrhundert auch im Westen zunehmend an Einfluss gewinnt. In Deutschland trug dazu neben Richard Wilhelm (durch seine Übersetzung des I Ging und des Tao te king in die deutsche Sprache) vor allem der Tiefenpsychologe, Freudschüler und spätere Freudkritiker C.G. Jung bei.

In seinem Buch Synchronizität, Akausalität und Okkultismus lieferte C.G. Jung erstmals ein überzeugendes Erklärungsmodell für die Funktionsweise von Orakelsystemen, mit dem auch die vom westlichen Denken geprägten Menschen etwas anfangen konnten. Seit dem Niedergang des Orakels von Delphi, dessen Blütezeit zwischen 700 und 500 vor Christus lag und das erst im vierten nachchristlichen Jahrhundert aufgelöst wurde, geriet das Orakelwesen im Westen weitgehend in Vergessenheit und blieb im Wesentlichen auf spiritistische Zirkel und Wahrsager/innen beschränkt. Als C.G. Jung im 20. Jahrhundert eine plausible Erklärung dafür fand, wie es zum Beispiel möglich ist, dass das sechsmalige Werfen von drei Münzen zu einer sinnvollen Antwort auf eine dem I Ging gestellte Frage führen kann, wurde das Orakelbuch auch im Westen einem breiteren Kreis bekannt, was unter anderem die Auflagenzahlen von Büchern zu diesem Thema belegen.

Dem vom newtonschen Weltbild geprägten mechanistischen Weltverständnis des Westens ist die Verknüpfung zwischen einer Serie von Münzwürfen und einem dieser entsprechenden Orakelspruch gänzlich unverständlich. C.G. Jung war jedoch davon überzeugt, dass es neben dem Ursache-Wirkung-Modell auch akausale Ereignisverknüpfungen gibt.
Den entscheidenden wissenschaftlichen Beweis dafür sah er in den sogenannten Rhineschen Experimenten. Darin war es unter anderem einer Versuchsperson gelungen, alle verdeckten Symbole auf 25 Karten zu „erraten“, was einer statistischen Wahrscheinlichkeit von 1:298023223876953125 entspricht. Für Phänomene dieser Art prägte Jung den Begriff Synchronizität, im Sinne einer akausalen jedoch durch einen Sinn verknüpften Gleichzeitigkeit zweier oder mehrerer Ereignisse, nicht zu verwechseln mit Synchronität, die lediglich die Gleichzeitigkeit verschiedener Ereignisse bezeichnet. Als Erklärung für die Möglichkeit von Synchronizität nennt C.G. Jung die Relativität von Raum und Zeit im psychischen Sinne.

Bezogen auf das Rhinesche Experiment bedeutet dies, dass die 25 Karten entsprechend dem newtonschen Weltbild in der äußeren Wirklichkeit zunächst verdeckt waren und erst später offen einsehbar waren. In der Psyche der Versuchsperson befanden sich aber die Zustände Karte verdeckt und Karte offen liegend auf einer Raum- und Zeitebene, sodass der Proband eine Karte gleichzeitig als verdeckt und offen sehen konnte.
Nur so lässt sich das „magische“ Ergebnis der Versuchsreihe erklären. C.G. Jung war dieses Phänomen aus seiner Forschungsarbeit bereits bekannt und zwar bezüglich der Archetypen, die nach seiner Überzeugung als raum- und zeitlose Urbilder (zum Beispiel animus und anima) das Denken, Vorstellen, Fühlen, Träumen und Handeln des Menschen zu allen Zeiten geprägt haben und prägen werden.

Möglicherweise wird das 20. Jahrhundert einmal in die Geschichte eingehen als das Zeitalter der Entdeckung der Relativität von Raum und Zeit. Nachdem Einstein zu Beginn des Jahrhunderts die Relativität von Raum und Zeit nachgewiesen und den Begriff der Raumzeit geprägt hatte, entdeckten Quantenphysiker nur kurze Zeit später, dass es im mikrokosmischen Bereich überhaupt keine festen Größen gibt, sondern nur Wahrscheinlichkeiten. Die Quantenwelt ist eine Welt der Möglichkeiten, und nach der Quantentheorie entscheidet der (beobachtende) Geist darüber, welche Möglichkeit sich jeweils als Wirklichkeit manifestiert.

Ich bin kein Freund von Superlativen, doch halte ich die Bezeichnung sensationell für nicht übertrieben, bezüglich eines Artikels, der am 14.08.2008 auf Spiegel-Online-Wissenschaft erschienen ist. Dort wird über ein Experiment des Physikers Nicolas Gisin berichtet, in dem das von Einstein als spukhafte Fernwirkung bezeichnete Phänomen untersucht wurde. Gisins Forscherteam von der Universität Genf fand heraus, dass der Informationsaustausch zwischen verschränkten Photonen mit mindestens 10.000-facher Lichtgeschwindigkeit erfolgt.

"Mindestens" bedeutet, dass es sich auch um absolut synchrone Phänomene handeln könnte. Dass überhaupt ein Zeitfaktor für die "Übertragung" ermittelt wird, könnte damit zusammenhängen, dass jede Messung eines raumzeitlosen Zustandes in einer raumzeitlichen Dimension zu positiven Ergebnissen führen muss, da in letzterer Zeitlosigkeit ebenso wenig messbar ist wie Raumlosigkeit. Die philosophisch-spirituellen Implikationen dieser neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse - insbesondere bezüglich Synchronizität und Telepathie - dürften kaum zu überschätzen sein.

Bereits in den 1980er Jahren hatte der Quantenphysiker David Deutsch behauptet, dass es auf der Quantenebene weder Raum noch Zeit gebe, sondern sogenannte snapshots (Schnappschüsse), die in einem raumzeitlosen Kontinuum einen Pool von unendlichen Möglichkeiten für unendliche Wirklichkeiten bereithalten. Die Schnappschüsse sind in der raumzeitlosen impliziten Ordnung zunächst nur mögliche Wirklichkeiten, die erst in der expliziten Ordnung für denjenigen Realität werden, der sie aufsucht. Aus der Perspektive des Absoluten ist also jeder Augenblick, den wir erleben, ein Element der raumzeitlosen Ewigkeit
Wir erleben aber diese Elemente als Ereignisse im dreidimensionalen Raum und in der dreidimensionalen Zeit. Andere Räume und andere Zeiten sind nach David Deutsch weder früher oder später als jetzt noch anderswo als hier, sondern lediglich andere Zustände in einem ewigen Hier und Jetzt. Dass uns Menschen die Geschehnisse als Geschichte und die Räume als ein Nebeneinander erscheinen, hänge mit der Struktur des menschlichen Bewusstseins zusammen, das Ereignisse und Gegenstände in der Welt der Erscheinungen nur als ein Nach- und Nebeneinander erfassen könne.


Quantentheorie
Quantenfeldtheorie nach Richard Feynman
Erläuterungen dazu auf der englischsprachigen Seite von Wikipedia


Einen weiteren spektakulären Beitrag, der die Annahme der Relativität von Raum und Zeit stützt, lieferte 1981 der britische Biologe Rupert Sheldrake mit seinem Buch A New Science of Life, das zwei Jahre später in Deutschland unter dem Titel Das Schöpferische Universum erschien. Darin liefert Sheldrake zahlreiche empirische Belege für die Existenz so genannter morphogenetischer Felder. Dabei handelt es sich um formbildende Felder, die weder Masse noch Energie sind, die aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein bestimmter Organismus spezifische Eigenschaften entwickelt, vergleichbar mit den Wahrscheinlichkeitsstrukturen in der Quantentheorie wie etwa in der Schrödinger-Gleichung.

Wie morphogenetische Felder wirken, lässt sich am einfachsten an Tierversuchen verdeutlichen, deren Ergebnisse ohne die Existenz dieser Felder nicht erklärbar wären. In zahlreichen Versuchen konnte nachgewiesen werden, dass zum Beispiel Ratten von ihren Artgenossen lernen können, ohne mit ihnen räumlich in Berührung gekommen zu sein. Wurde einzelnen Ratten ein bestimmtes Verhalten antrainiert, so zeigte sich, dass Exemplare der gleichen Art auf anderen Kontinenten dieses Verhalten schneller lernten, als ihre Artgenossen, die offenbar morphogenetische Pionierarbeit geleistet hatten. Alle Versuche zeigten übereinstimmend, dass die räumliche Entfernung keinen Einfluss auf die Wirkung der morphogenetischen Felder hatte.

Obwohl der experimentelle Nachweis solcher Felder beim Menschen aufgrund seiner höheren Komplexität schwieriger ist als bei Tieren, sprechen eine Reihe von wissenschaftlichen Experimenten dafür, dass das menschliche Verhalten ebenfalls durch morphogenetische Felder vorstrukturiert wird. Neben C.G. Jungs Archetypen käme hierfür auch das I Ging als Beispiel in Betracht. Über mehr als zwei Jahrtausende haben Menschen, die mit dem I Ging arbeiteten, darüber berichtet, dass sie bei der Befragung des Orakels das Gefühl hatten, einen „heiligen“ Raum zu betreten, in dem sie tief und unmittelbar in ihr eigenes Spiegelbild blicken können, quasi eine magisch klare Oase in einer Wüste voller Fata Morganen.

Sollte es tatsächlich eine morphische Resonanz im Sinne Sheldrakes geben - wofür einiges spricht -, so würde ich sie in Bezug auf das I Ging bezeichnen als bedingungsloses Vertrauen in die Allwirklichkeit des Tao. Die alten chinesischen Weisen, die an der Entwicklung des I Ging beteiligt waren, besaßen offenbar dieses Vertrauen, das nicht blind war, sondern auf dem wachen, vorurteilsfreien Studium der kosmischen Natur und der menschlichen Gesellschaft basierte, deren Gesetze wir in den Hexagrammen des Orakels widergespiegelt finden.
Wer diesen Gesetzen vertraut, dem gibt das I Ging auf jede Frage eine kristallklare Antwort. Ausführliche Informationen zur Theorie der morphogenetischen Felder und den Gemeinsamkeiten mit der Quantentheorie findest Du auf der deutschen Homepage von Rupert Sheldrake.

2.2 Außergewöhnliche Bewusstseinszustände

Wer das kindliche Urvertrauen verloren und das durch alles Wissen hindurch gegangene Vertrauen eines erfahrenen Weisen noch nicht erlangt hat, der hält seine eigenen Projektionen für Realität. Sein Reich der Illusionen hat nur zwei Öffnungen zur Wirklichkeit hin.
Die eine ist eine fundamentale Lebenskrise, die zur Kapitulation der alten Denk- und Wahrnehmungsmuster führt und dem Betroffenen die Möglichkeit bietet, aus der totalen Verzweiflung heraus ein neues Vertrauen zu entwickeln, das seinen Sitz nicht im Kopf, sondern im Herzen hat und das die Erscheinungen nicht mehr strukturell aufspaltet in separate Einheiten einer dualistischen Welt, sondern sich jederzeit der Einheit von allem bewusst ist. Die vollkommene Verzweiflung katapultiert den Menschen in einen außergewöhnlichen Bewusstseinszustand, in dem es nur noch darum geht, nicht mehr zu leben oder anders zu leben.

Die zweite Öffnung besteht in dem freiwilligen Eintauchen in einen außergewöhnlichen Bewusstseinszustand, das heißt in einen vom konditionierten Bewusstsein befreiten Zustand, in dem die Welt in ihrer raumzeitlichen Einheit wahrgenommen werden kann. Eines der berühmtesten Beispiele für Wahrnehmung in einem außergewöhnlichen Bewusstseinszustand sind die Zukunftsvorhersagen der Pythia im Orakel von Delphi. Neueren wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sollen die aufsteigenden Dämpfe im Orakel von Delphi acetonhaltig und somit bewusstseinsverändernd gewesen sein, was eine plausible Erklärung für die Zuverlässigkeit der Zukunftsvorhersagen sein könnte.
Bestimmte Formen des erweiterten Bewusstseins eröffnen offenbar den Betroffenen im Sinne David Deutschs Zugang zu allen „Orten“ bzw. „Ereignissen“ (snapshots) im raumzeitlichen Kontinuum, und zwar unabhängig von der Raum/Zeit-Koordinate, die die Person im gewöhnlichen Bewusstsein einnimmt.

Diese quantenphysikalische Deutung ermöglicht ein völlig neues Verständnis von dem, was In-die-Zukunft-Schauen bedeutet. Es handelt sich um eine vorübergehende Befreiung von den Kategorien der gewöhnlichen menschlichen Wahrnehmung als dreidimensionale Raum- und Zeitvorstellung. Im außergewöhnlichen Bewusstseinszustand gibt es weder Breite, Höhe, Tiefe noch Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, sondern lediglich – wie Swedenborg in Himmel und Hölle zutreffend bemerkte – verschiedene Zustände.
Diese Zustände erscheinen als Folge einer perspektivischen Einstellung auf einen bestimmten Ausschnitt aus einer Bilderkette, die an sich weder ein Neben- noch ein Nacheinander kennt, sondern erst im Bewusstsein des Wahrnehmenden zu einem subjektiven Wahrnehmungs- und Beutungsgeflecht dreidimensional verknüpft wird.

Bezogen auf die Pythia im Orakel von Delphi würde das bedeuten, dass sie bei ihren zutreffenden Vorhersagen zum Beispiel bezüglich Ödipus oder Krösus gar nicht in die Zukunft geschaut hat, sondern mittels der Befreiung ihres Bewusstseins von konditionierter Wahrnehmung lediglich in die Dimension der ewigen Gegenwart eingetaucht ist. Nur aus der Perspektive des gewöhnlichen Bewusstseins ihrer Auftraggeber waren die Botschaften der Pythia Zukunftsvorhersagen.

Das Orakel von Delphi
Aegeus, König von Athen, befragt Pythia im Orakel von Delphi.


Dass bewusstseinsverändernde Drogen Einblicke in Parallelwelten liefern können, bezeugt auf besonders beeindruckende Weise die jahrtausendealte Tradition des Schamanismus, insbesondere im Zusammenhang mit der Einnahme von Ayahuasca bei schamanistischen Ritualen. Ein Beleg dafür, dass es auch ohne Drogen geht, sind neben den Schamanen, die ohne halluzinogene Mittel arbeiten, die Erfahrungen der Mystiker aller Zeiten und Kontinente, denen es vergönnt war – religiös interpretiert aus Gnade, oder psychologisch verstanden als eine Art freiwilliger oder erzwungener sensorischer Deprivation –, in die Wirklichkeit hinter der „Wirklichkeit“ zu blicken.
Auch mittels bestimmter Formen der Meditation oder durch holotropes Atmen nach der Methode des transpersonalen Psychologen Stanislav Grof können außergewöhnliche Bewusstseinszustände erreicht werden. Nähere Informationen dazu findest Du auf der Seite Transpersonale Erfahrungen.

Das spezifische Kennzeichen von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen ist die Ausschaltung des Verstandes als dirigistische Kontrollinstanz. Unser Verstand ist ein unverzichtbares Mittel, um uns in der physischen Welt zu orientieren und zu behaupten. Wollen wir dagegen in die geistige Welt eintauchen, ist der Verstand als Kontrollbewusstsein ein unüberwindliches Hindernis, solange er regiert. Das einzige Mittel, ihn vorübergehend auszuschalten, ist der bedingungslose Verzicht auf Kontrolle, und das heißt Hingabe.
Bedingungslose Hingabe ist nur möglich, wenn man der Macht, der man sich hingibt, absolut vertraut. Hingabe in Vertrauen ist der Schlüssel, der das Tor zur geistigen Welt öffnet. Bewusstseinserweiternde Drogen können die Hingabe erzwingen, nicht aber das Vertrauen. Wer sich ohne Urvertrauen auf psychedelischem Wege durch die „himmlische Pforte“ schleichen will, wird im günstigsten Fall in Scheinwelten geführt und findet sich schlimmstenfalls auf einem Horrortrip wieder.

Will man das I Ging befragen möchte, sollte man sich in einem entspannten Zustand der vertrauensvollen Hingabe befinden. Auf keinen Fall sollte er sich auf eine bestimmte Antwort festlegen, sondern offen sein für die Botschaft, die ihm das Orakel überbringt, im Vertrauen, dass das I Ging genau die Antwort liefern wird, die unter Berücksichtigung aller erdenklichen Umstände, das heißt aus der holistischen Perspektive des Absoluten, für den Fragesteller die beste ist.

Dem, der sehend blind vertraut, öffnet sich die perspektivlose Perspektive des Sehers. Nur der freiwillige Verzicht auf eine begrenzte subjektive Sichtweise ermöglicht uns einen Blick auf das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe). Mit blind ist hier nicht gemeint, dass wir die Augen vor der Wirklichkeit verschließen sollten. Im Gegenteil: Das I Ging verlangt von uns „lediglich“, dass wir die Leinwände unseres Lebens von falschen, im negativen Sinne blinden Projektionen befreien.

Das Tao, oder wie immer man die höchste Weisheit bezeichnen möchte, füllt leere Leinwände mit Motiven, die allesamt einen Schöpfungsprozess unter der Regie des Tao darstellen. Wollen wir dessen Botschaften empfangen und befolgen, müssen wir deshalb zunächst einmal tabula rasa machen. Darin sind sich Taoisten, Zen-Buddhisten und die Mystiker aller Zeiten einig (auch die christlichen wie Jesus oder Meister Eckhart):
Bevor wir aus dem reinen Brunnen schöpfen können, müssen wir ihn von abgestandenem, faulendem Wasser gereinigt haben.
Leinwand leer
"Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe."
Auf der leeren Leinwand führt das Tao Regie.


2.3 Dem Tao auf der Spur – Das I Ging zwischen Schicksal und Willensfreiheit

Das Tao ist die Gesamtheit aller Möglichkeiten und Wirklichkeiten, oder - anders formuliert -: Alles, was existiert und nicht existiert, alles, was geschieht und nicht geschieht, ist Tao. Aus dieser Tatsache könnte man den Fehlschluss ziehen, dass es beliebig ist, was ein Mensch tut oder unterlässt. Aufs Ganze gesehen, das heißt aus der Perspektive des Tao, ist dies in der Tat so. In aller Ewigkeit ruht es in jedem Augenblick in sich in völliger Harmonie. Von den Turbulenzen, die seine Schöpfungsprinzipien Yin und Yang in der dualen Welt erzeugen, bleibt es unberührt.
Deshalb ist es aus der Sicht des Tao irrelevant, wie ein Element der Schöpfung sich in einer bestimmten Situation verhält. Jedes Ereignis, das theoretisch auch nur für einen einzigen Augenblick ein Ungleichgewicht erzeugen könnte, ist gekoppelt mit einem Ereignis, das gleichzeitig dafür sorgt, dass die Harmonie gewahrt bleibt. Das Tao ist der Garant dafür, dass das freie Spiel der Kräfte mit den Polen Yin und Yang mit absoluter Notwendigkeit jederzeit im Zustand der Balance ist.

Bedeutet dies, dass wir Menschen, wie alles, was existiert, nur Spielbälle eines übermächtigen Schicksals sind? Eine weise Antwort auf diese Frage finden wir bei Goethe:

Unser Leben ist, wie das Ganze, in dem wir enthalten sind, auf eine unbegreifliche Weise aus Freiheit und Notwendigkeit zusammengesetzt.

Quellenangaben zu diesem Zitat und weitere Zitate zum Thema Willensfreiheit findest Du auf meiner Zitateseite (www.zitate-aphorismen.de).

Die Erkenntnisse der Quantentheorie ermöglichen es uns heute, etwas mehr Licht in dieses Unbegreifliche zu bringen. Im Jahre 1935 versuchte Albert Einstein zusammen mit zwei Studenten durch ein Gedankenexperiment (dem sogenannten Einstein-Podolsky-Rosen Experiment) nachzuweisen, dass die Quantentheorie unvollständig sei. Einstein weigerte sich, die Behauptung der Quantenphysiker zu akzeptieren, dass im mikrokosmischen Bereich der Zufall regiere. Mit dem berühmten Satz „Gott würfelt nicht!“, brachte er seine Position auf den Punkt.

Drei Jahrzehnte lang schien es, als sollte Einstein recht behalten. Doch 1964 konnte das Gedankenexperiment erstmals von dem Physiker John Bell und später von anderen Quantenphysikern als wissenschaftliches Experiment durchgeführt werden. Die EPR-Experimente werden von Fachleuten als eine große Sensation in der Wissenschaftsgeschichte angesehen und führten zu folgendem Ergebnis:

Befinden sich zwei Photonen im gleichen Quantenzustand, dann führt ein auf eines der beiden Photonen ausgeübter Impuls dazu, dass das andere Photon ohne Impuls - zeitgleich und unabhängig von der Entfernung - in exakt den gleichen Quantenzustand versetzt wird, wie das Photon, auf den der Impuls einwirkte.

Diese Entdeckung stellte das bis dahin gültige physikalische Weltbild völlig auf den Kopf. Einstein hatte es als geisterhafte Fernwirkung bezeichnet, falls derartige Phänomene möglich sein sollten. Die physikalische Durchführung des Gedankenexperiments wurde so für ihn zu einem Bumerang. Sie zeigte nämlich, dass es eine lokale Theorie, wie er sie gefordert hatte, gar nicht geben kann. Die Quantenphysik ist nichtlokal.
Die Dinge stehen offenbar in einer geheimnisvollen Verbindung, die sich bisher jeder wissenschaftlichen Erklärung entzieht. „Was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie Goethe es formulierte, scheint also auf physikalischem Wege nicht gefunden werden zu können.
Quantentheorie Würfel
Im gleichen Quantenzustand zeigen die Würfel immer die gleiche Zahl.


Allerdings verdanken wir der Quantenphysik den Beweis dafür, dass die Materie als kosmisches „Wirkprinzip“ ausgeschlossen werden kann. Damit sind die mechanistischen Welterklärungsversuche endgültig vom Tisch. So erfolgreich die Quantenphysik auch hinsichtlich der Beschreibung und Berechnung von Prozessen in der Natur ist, in philosophischer Hinsicht hat sie einen Erklärungsnotstand provoziert. Da nach Heisenbergs Unschärferelation, auch Unbestimmtheitsrelation genannt, das Verhalten von Elementarteilchen niemals exakt wird berechnet werden können, sondern immer nur wahrscheinliche Positionen angenommen werden können, sprechen führende Quantenphysiker davon, dass im mikrokosmischen Bereich der Zufall regiere.

Geht man jedoch davon aus, dass das universelle Schöpfungsprinzip geistiger Natur ist, dann bedeutet das Scheitern naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle nicht automatisch, dass dem Zufall Tür und Tor geöffnet sind. Wenn es Geist ist, was die Welt kreiert und dirigiert, dann steht das Wort Zufall nur für Phänomene, die sich nach uns unbekannten Gesetzmäßigkeiten ereignen.

Bereits vor rund 2500 Jahren hat Laotse die Meinung vertreten, dass das Tao weder erkennbar noch erklärbar sei, sondern dass lediglich seine Wirkungen wahrnehmbar und erfahrbar seien. Damit nimmt Laotse makrokosmisch eine Position ein, wie sie die Quantentheorie heute im mikrokosmischen Bereich vertritt. Beide Positionen sind insofern pragmatisch, als sie auf Erklärungen weitgehend verzichten, sich auf Beobachtung konzentrieren und ihr Augenmerk auf die praktischen Anwendungsmöglichkeiten richten, die sich daraus ergeben: die Quantenphysik im Dienste der Technik als Naturbeherrschung und Laotse hinsichtlich einer Lebensführung im Einklang mit dem universellen Weltgesetz (Tao).

Ebenso wie das Tao te king war auch das I Ging von Anfang an der Versuch, einen praktischen Leitfaden für ein Leben im Einklang mit dem Tao zur Verfügung zu stellen. Beide Werke bestehen im Wesentlichen aus der Gegenüberstellung zweier grundverschiedener Lebensweisen: das Handeln im Einklang mit dem Tao und das Handeln in Opposition zum Tao. In den Übersetzungen des Tao te king und des I Ging verwendet Richard Wilhelm den Begriff „Der Edle“ für einen Menschen, der sein Handeln in den Dienst des Tao stellt, während „Der Gemeine“ aus seinem Eigenwillen heraus handelt, ohne Rücksicht auf das Ganze.

Das I Ging ist keine moralische Instanz. Es zeigt uns lediglich, was geschieht, wenn wir eigensinnig handeln oder stattdessen das Tao verkörpern. Da Tao das Ganze ist, ist auch das Handeln des „Gemeinen“ Tao. Wären alle Menschen „Edle“, gäbe es unsere manifestierte duale Welt nicht, deren Triebkraft die gegensätzlichen Pole von Yin und Yang sind (vergleiche das Theodizeeproblem im Christentum). Aus der Perspektive des Ganzen steht also auch der „Gemeine“ im Dienst des Tao, was Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes als List der Vernunft bezeichnete. Im Gegensatz zum „Edlen“, der das Licht und das Leben auf der Erde verkörpert, vegetiert der „Gemeine“, wie groß auch immer seine weltlichen Erfolge sein mögen, im Schattenreich des Todes.

Es wäre ein großer Irrtum zu glauben, man könne die Menschen einfach in Edle und Gemeine einteilen. Die Trennlinie geht mitten durch jeden einzelnen Menschen hindurch. Bei allem, was wir tun, stehen wir vor der Wahl, den Edlen oder Gemeinen in uns zu verkörpern. Das taoistische I Ging ist also keineswegs eine deterministische oder gar fatalistische Lehre.
Einerseits sind wir alle den universellen Gesetzen des Tao unterworfen, andererseits können wir aber mit jeder Handlung, die wir ausführen oder unterlassen uns für eine gemeine oder edle Tat entscheiden. Zwar ist kein Mensch völlig frei in seinen Entscheidungen, da diese durch unser bisheriges Leben auf der Basis spezifischer Dispositionen getroffen werden, doch ist jeder frei zu beobachten, was mit ihm geschieht, wenn er das Edle bzw. Gemeine in sich verkörpert.

Den Weisen zeichnet es aus, dass er aufgrund dieser Beobachtungen in Bezug auf sich selbst, auf die menschliche Gemeinschaft und auf die Natur nicht nur stets bemüht ist, das Edle in sich zu verkörpern, sondern dass es ihm auch weitestgehend gelingt. Um das I Ging als praktischen Ratgeber im Alltag zu nutzen, sollte man zumindest so viel Weisheit mitbringen, dass man es nicht als fatalistische Schicksalsbotschaft versteht, sondern als einfacher, weiser Hinweis darauf, welche Folgen eine von uns beabsichtigte oder unterlassene Handlung nach sich ziehen wird.


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